Wissen

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Wissen (von althochdeutsch "wizzan": verwandt mit lateinisch "videre" ['sehen'] - indogermanisch "uoida" bedeutet 'ich habe gesehen' und somit auch ich weiß<ref>Alois Walde: Lateinisches etymologisches Wörterbuch, 3. Aufl. Heidelberg 1938, II, S. 784f.</ref>) bezeichnet alltagssprachlich meist wahre und für wahr gehaltene, gerechtfertigte Meinungen.

Im Bereich der Informatik und Informationstheorie wird Wissen oftmals mit "Information" gleichgesetzt, die dann nicht nur Individuen, sondern auch etwa Gruppen besitzen. Dabei wird oft nicht explizit objektive Wahrheit vorausgesetzt, so dass in dieser Hinsicht der Begriff Information eher dem alltagssprachlichen Begriff von Meinung statt von Wissen gleichkommt.

Mit sozialen Aspekten des Erwerbs von Wissen beschäftigt sich auch die Wissenschaftssoziologie.

In der Philosophie ist Wissen ein zentraler Begriff der Erkenntnistheorie. Dabei geht es u.a. um die Fragen: wie ist der Begriff des Wissens zu analysieren? Welche Kriterien zeichnen Wissen aus, etwa gegenüber falschen Meinungen oder zufällig erratenen Wahrheiten? Wann kann man sagen, eine Meinung sei gerechtfertigt, etwa durch empirische Daten, durch gute Argumente, durch zuverlässiges Hörensagen oder subjektive Erfahrungen? Wie kommt Wissen ursächlich zustande? Welchen praktischen Wert hat Wissen? Ist Wissen überhaupt möglich? (Letzteres bestreiten unter anderem verschiedene Formen des Skeptizismus und teilweise auch des Konstruktivismus.) Derartige Fragen werden in unterschiedlichem Sinne und Ausmaß seit der Antike diskutiert. Eine frühe systematische Auseinandersetzung findet sich in Platons Dialog Theaitetos. Die Debatte ist heute noch in vollem Gange. Insbesondere besteht bis heute kein Konsens über eine Definition des Wissensbegriffs.

Inhaltsverzeichnis

Verschiedene Wissensdefinitionen

Während es auf den ersten Blick klar zu sein scheint, was Wissen bedeutet, ist es sehr schwer, eine allgemein gültige Definition dafür anzugeben. Für jede bekannte Definition gibt es Fälle, in denen sie offensichtlich nicht das wiedergibt, was wir unter Wissen verstehen.

  • Wissen ist eine vorläufig wahre Zustandsgröße und ein selbstbezüglicher Prozess. Seine Definition verändert es bereits, da diese selbst zum Bestandteil des Wissens wird. Voraussetzung für Wissen ist ein wacher und selbstreflektierender Bewusstseinszustand, der dualistisch angelegt ist. Wissen ist mit Erfahrungskontext getränkte Information. Information ist ein Datenbestandteil, welcher beim Beobachter durch die beobachterabhängige Relevanz einen Unterschied hervorrief. Daten sind etwas, was wahrgenommen werden kann, aber nicht muss. Diese Definition ist im Einklang mit dem Fachgebiet Wissensmanagement und dem DIKW-Modell (en). Letzteres stellt Daten, Informationen, Wissen und Weisheit in einer aufsteigenden Pyramide dar und führt zu Organisational Memory Systems, deren Hauptziel es ist, die richtige Information zur richtigen Zeit an die richtige Person zu liefern, damit diese die am besten geeignete Lösung wählen kann. Damit wird Wissen mit seiner Nutzung verknüpft.
  • Handlungsgrundlage von Informationssystemen - Wissen bezeichnet die Gesamtheit aller organisierten Informationen und ihrer wechselseitigen Zusammenhänge, auf deren Grundlage ein vernunftbegabtes System handeln kann.

Das Wissen erlaubt es einem solchen System – vor seinem Wissenshorizont und mit der Zielstellung der Selbsterhaltung – sinnvoll und bewusst auf Reize zu reagieren.

  • Glaube zu Wissen - Die vielfältigen Ergebnisse der Erkenntnistheorie und der Wissenschaftsgeschichte machen die Aussage plausibel, dass der Mensch immer nur glaubt zu wissen. Immer wieder werden ganze Gebäude des Wissens zum Einsturz gebracht, wenn sich eine Hypothese durch neue Erkenntnisse als tragfähiger erweist als vermeintlich gesicherte Theorien. So wird der Zweifel zu einer der Triebfedern neuen Wissens.
  • Gerechtfertigter wahrer Glaube (GWG oder gerechtfertigte wahre Meinung) - Edmund Gettier zeigte an Beispielen in seinem Aufsatz Is justified true belief knowledge (Gettier-Problem), dass diese Definition unseren Wissensbegriff nicht treffend abzubilden vermag.
  • Reale und imaginäre Objekte, Systeme und Prozesse können gegeneinander abgegrenzt und daher beschrieben und definiert werden. Wissen hingegen ist ein selbstbezüglicher Begriff für eine Gesamtheit und nicht überschaubar. Die Selbstbezüglichkeit zeigt sich in der Tatsache, dass eine Definition des Begriffs Wissen das Wissen selber verändert, weil die Definition ebenfalls Bestandteil des Wissens ist. Es kann daher nur eine Beschreibung der Wirkung von Wissen erfolgen.

Formen des Wissens

Deklaratives versus prozedurales Wissen

Deklaratives Wissen bezeichnet in der Kognitionspsychologie das Wissen über Fakten („Wissen was“), in Abgrenzung von handlungsorientiertem („Wissen wie“, prozedurales Wissen). Folgende Formen des deklarativen Wissens können unterschieden werden:

  • Wissen über Konzepte und Konzepteigenschaften: Konzepte werden durch ihren Konzeptnamen, ihre Extension und ihre Intension definiert. Extension ist die Menge aller Objekte, die zu dem Konzept gehört, die Intension ist die Menge der Merkmale, die ein Objekt besitzen muss, um zum Konzept zu gehören. Man unterscheidet zwischen Individualkonzepten, die als Extension eine einelementige Menge besitzen, und Massenkonzepte wie Flüssigkeiten oder Schüttgut, die keine stückweise abzählbare Extension besitzen.
  • Wissen über semantische Beziehungen: Semantische Beziehungen sind Aussagen zu zwei oder mehreren Konzepten, wie zum Beispiel
  • Wissen über Ereignisse und Handlungen: Ein Ereignis ist eine Zustandsänderung eines Objektes zu einem bestimmten Zeitpunkt oder über ein Zeitintervall hinweg. Eine Handlung ist ein Ereignis, das von einem Aktor ausgelöst wurde.
  • Wissen über Regeln und einschränkende Bedingungen (Constraints): Wissen über einschränkende Bedingungen ist Wissen über die Unzulässigkeit von Zuständen oder Zustandsänderungen.
  • Metawissen: Wissen über Wissen, wie z. B. Wissen über die Verlässlichkeit (Reliabilität) bzw. Güte (Validität) von Fakten oder anderen Wissensarten.
  • Wissen als soziale Konstruktion: Grundlegend stellt die Wissenssoziologie fest, dass Erkenntnis nicht im Individuum, sondern in einem sozialen Kontext eingebettet ist, das bedeutet Wissen ist sozial bedingt<ref>vgl. beispielsweise Wissen für den Hof. Der spätmittelalterliche Verschriftungsprozeß am Beispiel Heidelberg im 15. Jahrhundert, hrsg. von Jan-Dirk Müller, München 1994 (= Münstersche Mittelalter-Schriften, 67)</ref>.

Prozedurales Wissen hingegen beschreibt die Fähigkeit, etwas durchzuführen. Dazu gehören u.a. motorische Fähigkeiten (laufen, sprechen, Fahrrad fahren) als auch abstrakte Fähigkeiten (das subtrahieren zweier Zahlen). Im Gegensatz zum deklarativen Wissen ist es dem Träger des prozeduralen Wissens oftmals nicht bewusst, wie das Wissen aufgebaut ist. Ein Fahrradfahrer weiß zwar, dass er fahren kann, könnte aber nicht wiedergeben, wie es tatsächlich funktioniert. Manchmal ist der Träger des prozeduralen Wissens noch nicht einmal dessen bewusst, dass er dieses tatsächlich besitzt. So muss es einem Kind, das die deutsche Grammatik problemlos anwendet, nicht bewusst sein, dass es Fälle gibt.

Narratives versus diskursives Wissen

Jean-François Lyotard unterscheidet zwei Formen von Wissen:

  • diskursives Wissen – das im Diskurs ermittelte Wissen der Moderne mit expliziter Legitimation. Wissenschaftliches Wissen ist spezifisches diskursives Wissen, das dem akademischen Diskurs und seinen akademischen Regeln unterliegt;
  • narratives Wissen – das traditionelle Wissen in Form von Geschichten und Erzählungen, das sich implizit selbst legitimiert.

Operatives Wissen und Orientierungswissen

(Wie nutze ich das Wissen, das ich habe? Wie finde ich meinen Weg, da ich noch nicht genug weiß?)

  • Wissen über Vorgänge und Verfahren: Ein Vorgang ist eine lang andauernde Handlung. Ein Verfahren ist eine festgelegte Anzahl von miteinander verketteten Einzelhandlungen, für die oft eine bestimmte Reihenfolge verbindlich ist. Wissen über ein Verfahren bezeichnet man auch als "know how", Gewusst Wie.
    • Wissen, wie man Wissenslücken schließen kann (zum Beispiel indem man Unbekanntes erfragt).
    • Wissen, wie man neues Wissen aus vorhandenem Wissen ableitet (Inferenzstrategien).
    • Wissen, wie man Wissen strukturiert und neues Wissen hinzufügt.

Psychologie und Wissen

Die Lernpsychologie beschäftigt sich mit dem Erwerb von Wissen, wobei zahlreiche Theorien und Methoden entwickelt wurden, um den Wissenserwerb zu vereinfachen und zu verstehen.

Begriffsfeldabhängige Ansätze

Im Gegensatz zum umgangssprachlichen Verständnis von Wissen bemüht sich der von Helmut F. Spinner begründete Karlsruher Ansatz der integrierten Wissensforschung (KAW) um eine Systematisierung des gesamten Begriffsfeldes um "Wissen aller Arten, in jeder Menge und Güte"; Spinner initiierte daher das Wissensarten-, Wissensordnungs- und Wissensverhaltensprojekt.

Er schlägt folgende Terminologie vor:

Im Rahmen des Wissensmanagement wird Wissen als eine Ressource betrachtet, die nicht nur von Individuen, sondern auch von anderen Systemen wie Gruppen und Organisationen erzeugt bzw. ausgehend von implizitem Wissen explizit gemacht wird.

Siehe auch

Literatur

Erkenntnistheoretische Einführungen und Standardwerke mit Diskussion des Wissensbegriffs

  • William Alston: Epistemic Justification. Essays in the Theory of Knowledge, Ithaca: Cornell University Press 1989
  • David M. Armstrong: Belief, Truth, and Knowledge. Cambrdidge: Cambridge University Press 1973
  • Laurence BonJour: The Structure of Empirical Knowledge. Cambridge: Harvard University Press 1985
  • Roderick Chisholm: Theory of Knowledge, Englewood Cliffs: Prentice Hall 3. A. 1989.
  • Fred Dretske: Knowledge and the Flow of Information. Cambridge: MIT Press 1981
  • John Greco, Ernest Sosa (Hgg.): The Blackwell Guide to Epistemology. Oxford: Blackwell 1999.
  • Hilary Kornblith: Knowledge and its Place in Nature. Oxford: Oxford University Press 2002
  • Keith Lehrer: Theory of Knowledge. Boulder: Westview Press 1990
  • John Pollock: Contemporary Theories of Knowledge. Totowa: Rowman and Littlefield 1986
  • Robert K. Shope: The Analysis of Knowing. A Decade of Research. Princeton: Princeton University Press 1983.
  • Matthias Steup: An Introduction to Contemporary Epistemology. Upper Saddle River: Prentice Hall 1996.
  • Matthias Steup, Ernest Sosa (Hgg.): Contemporary Debates in Epistemology. Malden (MA): Blackwell 2005.

Selbstwissen

Klassiker des 20. Jahrhunderts

Konstruktivismus

  • Ernst von Glasersfeld: Wissen als Konstrukt, in: Leon R. Tsvasman (Hg.) Das Grosse Lexikon Medien und Kommunikation. Kompendium interdisziplinärer Konzepte: Würzburg 2006.
  • Matthias Vogel und Lutz Wingert (Hg.): Wissen zwischen Entdeckung und Konstruktion: erkenntnistheoretische Kontroversen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2003.

Populäre Literatur

  • Jürgen August Alt: Das Abenteuer der Erkenntnis. Eine kleine Geschichte des Wissens. CH Beck, München, 2002
  • Daniel Geiger und Georg Schreyögg: Wenn alles Wissen ist, ist Wissen am Ende nichts ?! In: DBW, 63 (2003).

Weblinks


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