Berlin, 11.03.2010 Die Meldung von Gewaltvorfällen im Schuljahr 2008/09 hat im Vergleich zum Vorjahr wieder zugenommen. Sie stieg von 1632 im Schuljahr 2007/08 auf 1817 im Schuljahr 2008/09 bei einer Abnahme der Schülerzahlen um ca. 2 %.
Durchschnittlich meldete ca. jede zweite Schule Gewaltvorfälle. Die meisten Meldungen kamen aus den Grundschulen, der zahlenmäßig häufigsten Schulform, mit ca. 39 %, gefolgt von den Sonderschulen mit etwa 21 %.
Im Schuljahr 2008/09 sind bereits wie in den Vorjahren körperliche Gewalt mit ca. 65 % der Meldungen und Bedrohung mit etwa 19 % die vorrangigen Meldegründe.
Sprunghafter Anstieg nach dem Amoklauf in Baden-Württemberg
Während die Zahlen im ersten Schulhalbjahr etwa auf Vorjahresniveau lagen, kam es ab März 2009 zu einem sprunghaften Anstieg, was in einem engen Zusammenhang mit der Amoktat in Winnenden am 11.03.2009 zu sehen ist. Die Amoktat an der Albertville-Realschule in Winnenden führte zu einer starken Verunsicherung an Berliner Schulen. Plötzlich waren die Schulen mit einer Vielzahl von Fragestellungen konfrontiert, die insbesondere das Bedürfnis nach mehr Handlungssicherheit spiegelten.
In diesem Kontext meldeten Schulleiter ab März 2009 deutlich mehr Bedrohungen, in denen Schülerinnen und Schüler verbal oder im Internet mit einem "Amoklauf" drohten, Todeslisten fertigten oder Winnenden in Gesprächen als nachahmenswert rechtfertigten. Allein innerhalb der ersten Woche nach Winnenden wurden allein 11 solcher Fälle gemeldet. Im Vergleich dazu wurden im gesamten ersten Schulhalbjahr 2009 sieben entsprechende Drohungen gemeldet.
So erklärt sich die Zunahme der Meldungen insgesamt. Lehrkräfte zeigten sich verunsichert und äußerten die Sorge, gefährliche Entwicklungen nicht richtig einzuschätzen bzw. Eskalationen nicht verhindert zu haben. Das führte zu einer größeren Meldebereitschaft und zu einer höheren Inanspruchnahme schulpsychologischer Beratung, insbesondere auch bei Schulen, die bisher keine oder selten Gewaltvorfälle meldeten.
Dies zeigen im Folgenden auch die Einzelauswertungen der Daten. Diese Gewalttat verunsicherte und ängstigte Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und die Elternschaft.
Die Maßnahmen zur Früherkennung schwerer zielgerichteter Gewalt an Schulen und zur Amokprävention in Berlin wurden seit Jahren in Berlin verstärkt und auch nach Winnenden weiter ausgebaut:
-Die Notfallpläne der Berliner Schulen zu den Themen "Amokdrohung" und "Amoklauf" wurden in enger Zusammenarbeit mit der Polizei aktualisiert.
-Schulleiterinnen und Schulleiter aller Schularten wurden zum Thema Amokprävention geschult.
-Die Schulpsychologie bietet, oft gemeinsam mit der Polizei, Beratung bei der Einschätzung und Aufarbeitung von Amokdrohungen. Es werden Fortbildungen zur Amokprävention für Kollegien durchgeführt.
In Abstimmung mit der Polizei wurde eine berlinweit abgestimmte Vorgehensweise für ein einheitliches Alarmierungssystem festgelegt, das nun gemeinsam mit den Bezirken umgesetzt wird. So wird über einen einheitlichen Dauerton eine Alarmierung bei Amokalarm an den Schulen möglich oder eine entsprechende Durchsage über eine Lautsprecheranlage gegeben.
Den vollständigen Bericht finden Sie im Anhang unter:
www.berlin.de/sen/bildung/hilfe_und_praevention/gewaltpraevention/Änderungen im Gewaltmeldeverfahren, Notfallordner helfen den Schulen Der Gewaltpräventionsbericht dient der Aufhellung des Dunkelfeldes und wird nie ein abschließendes Bild der Gewalttaten an Berlins Schulen bieten können. Wesentliches Augenmerk gehört neben der Prävention der Intervention und Aufarbeitung der Fälle.
Seit Beginn des laufenden Schuljahres trägt das differenziertere Melde- und Unterstützungsverfahren diesem Gedanken Rechnung. So sind die von den Schulen erfassten Tatbestände an die Systematik des bekannten Notfallordners angeglichen worden, der von anderen Bundesländern in wesentlichen Teilen kopiert wurde. Dies macht es einfacher konkrete Handlungsweisen nachzusehen und die von Experten erarbeiteten Maßnahmen der Opferhilfe und Nachsorge zu ergreifen. In dem bekannten orangefarbenen Ordner finden sich für Schulleitungen und Lehrkräfte Verhaltenshinweise sowohl zum Tatbestand "Schlägerei" als auch für "Schwere Sachbeschädigung" oder "Extremismus". Die Kategorien sind differenzierter als bisher und berücksichtigen die Schweregrade der Vorfälle. Damit erleichtern sie der Schule auch die Einschätzung eines Vorfalls. Die Notfallpläne stellen sicher, dass Schulleiter wissen, was Sie im Gewaltfall tun müssen.
Das Informationsschreiben zum Umgang mit Gewalt- und Notfallsituationen gilt seit 7.08.2009 und verbindet das Meldeverfahren mit der Unterstützung der Betroffenen und der Schulen. Die Schulen sind weiterhin zur Meldung verpflichtet, insbesondere bei Gefährdungsgrad III (rot) und II (gelb).
Es besteht grundsätzlich die Pflicht der Aufarbeitung von Gewaltvorfällen durch die Schule. Die schriftliche Meldung im "grünen Bereich " ist eingeschränkt (Auszug Infoschreiben):
"3.3 Grün/Gefährdungsgrad I - niedrige Gefährdung: Vorfälle dieser Kategorie sind entsprechend der Notfallpläne in eigener Verantwortung der Schulen zu lösen. Dabei stehen Schadensbegrenzung, Opferhilfe und Möglichkeiten der Wiedergutmachung im Vordergrund. (...) Die schriftliche Meldung erfolgt nur dann, wenn die schulinternen pädagogischen Lösungsversuche nicht ausreichen und externe Hilfe bzw. eine Meldung an die Polizei erforderlich ist, wenn der Vorfall von öffentlichem Interesse ist."
Das heißt, dass die Schulen durchaus weiterhin gravierende Beleidigungen, Schlägereien und Sachbeschädigungen melden.
Bildungssenator Prof. E. Jürgen Zöllner: "Der vorrangige Aspekt ist, dass Schulen darin unterstützt werden, kompetent gewaltpräventiv arbeiten zu können. Dazu zählen Projekte wie das Buddyprojekt, Lehrerfortbildungen, Präventivkurse und Handreichungen und die ausgeprägte Kooperation mit der Schulpsychologie. Durch das neue Meldeverfahren sind Schulen mit weniger Bürokratie belastet - an den Stellen, wo sie Probleme in Eigenverantwortung lösen können. Die Meldezahlen zeigen, dass Berlins Schulen in hohem Maße für dieses Problemgebiet sensibilisiert sind. Auch erscheint es Schulen nicht länger pauschal als Makel, wenn sich Gewalttaten in ihrem Bereich ereignen. Die Schulen machen nicht bei der bloßen Erfassung von Gewaltvorfällen halt, sondern kümmern sich auf grundsätzlich hohem Niveau um die Intervention und Opferhilfe."