
Stuttgart, 21.11.2008 Obwohl manche Zeitgenossen das Wort "Pisa" schon nicht mehr hören können, sei es notwenig, sich auch nach den jüngsten Veröffentlichungen (Pisa III) Gedanken über die Weiterentwicklung der Schulen zu machen, versichert der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg. Schule sei nun mal ein großer schwerer Dampfer und kein Schnellboot. Ruckartige Wendemanöver und Zickzackkorrekturen könnten das Boot zum Schwanken bringen, sorgten aber auf keinen Fall für Stabilität und das gute Gefühl, auf richtigem Kurs zu sein.
Wenn man Lehrer nach Möglichkeiten der Verbesserung der schulischen Rahmenbedingungen fragt, wird an erster Stelle die Beseitigung der Belastungen durch zu große Klassen sowie durch nicht erzogene und damit sich und die anderen störenden Schüler genannt.
Der Klassenteiler ist nicht zwar alles, aber ein wichtiges Kriterium. Das hat selbst mittlerweile die Landesregierung erkannt, die Senkung des Teilers aber viel zu weit hinausgezögert. Ob sich ein Lehrer im Unterricht um 33 Kinder oder um 20 kümmern muss, ist ein gewaltiger Unterschied. Allein die zeitliche Zuwendung des Lehrers an den einzelnen Schüler ist eine andere, der Geräuschpegel im Klassenzimmer wird ein geringerer, und mögliche Konfliktsituationen der Schüler untereinander reduzieren sich bei kleineren Klassen gleichfalls. Natürlich wird die Reduzierung des Klassenteilers bei gleichzeitig schlechtem Unterricht kein Garant für bessere Pisa-Ergebnisse sein, räumt selbst der VBE-Sprecher ein. Umgekehrt nützt aber auch ein toller Unterricht bei hoch motivierten und gut ausgebildeten Lehrern nur wenig, wenn die Schüler nicht bereit sind, sich auf diesen Unterricht einzulassen, weil die Erziehung so mancher Schüler durch das Elternhaus noch gar nicht oder nur äußerst unzureichend eingesetzt hat.
Deshalb erwarten immer mehr Lehrer neben der in Angriff genommenen Bildungsoffensive unbedingt eine Erziehungsoffensive, was Eltern erzogener Kinder ähnlich wie die Lehrer sehen, denn störende, seelisch kranke Schüler können den spannendsten Unterricht kaputt machen. Während früher höchstens drei bis vier Kinder pro Klasse auffällig waren, hat sich heute das Verhältnis umgedreht. Heute sind drei bis vier Kinder pro Klasse unauffällig.
Wenn man sich über mangelnde Lesekompetenz der Schüler aufregt, muss man sich die Frage gefallen lassen, wie es mit der Vorbildfunktion der Erwachsenen aussieht. Lesen Eltern regelmäßig eine Zeitung, ein Buch, die Gebrauchsanleitung für ein Gerät oder beschränkt sich deren Lesekompetenz lediglich auf einen Einkaufszettel, die Eingabeaufforderungen am PC und die Kenntnisnahme rudimentärer SMS-Botschaften? Wer schreibt heute noch Briefe, wenn man es nicht unbedingt - wie im Geschäftsbereich - muss? Wenn es neben dem Telefonbuch noch ein weiteres Buch im Haushalt gibt, gilt das heute bereits als ein eindeutiger Lernvorteil für das Kind.
Wenn Eltern ihrem Kind schon im frühesten Alter vorlesen – auch Alleinerziehende können das –, schafft das Nähe und bereitet den Boden für spätere Lesekompetenz .Wenn bis zu 31 Kinder in einer Grundschulklasse sitzen, können sich die Schüler in Gruppen zwar gegenseitig "vorlesen", das gemeinschaftliche laute Erlesen eines Textes beschränkt sich bei einer im Stundenplan ausgewiesenen Deutsch-Lesestunde pro Woche in der Realität auf maximal eine Minute lautes Lesen pro Kind und pro Woche. Das hat die Folge, dass schwache Leser untergehen. Es gibt zu wenig zusätzliche Fördermöglichkeiten; um etwa ein Kind während des Unterrichts von einer weiteren Lehrkraft außerhalb des Klassenverbands ganz individuell zu fördern und so weit voranzubringen, dass es dann mühelos in der Klasse mitkommt. Lesepatenschaften können sicher zur Entspannung beitragen, beruhen jedoch auf dem Prinzip der Freiwilligkeit.
Der VBE erwartet durch noch mehr Stärkung der Lesekompetenz der Schüler in allen Unterrichtsfächern ein messbar besseres Abschneiden bei den nächsten Vergleichsstudien. Für die individuelle Lesekompetenzförderung aller Schüler benötigt man jedoch deutlich mehr Lehrerstunden.