
Daran erinnert der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. anlässlich des Weltalphabetisierungstages, der weltweit am 8. September begangen wird. Die Vereinten Nationen haben zur Unterstützung der Alphabetisierungsarbeit die Weltalphabetisierungsdekade 2003 bis 2012 ausgerufen.
Münster, 02.09.2008
Weltweit können 781 Millionen Erwachsene nicht lesen und schreiben. Spätestens seit der PISA-Studie ist bekannt, dass Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern einen erheblichen Nachholbedarf bei der Grundbildung hat. Jedes Jahr verlassen etwa 75.000 Jugendliche die Schulen ohne Hauptschulabschluss. Viele von ihnen verfügen nicht über die erforderlichen Mindestqualifikationen, um einen Beruf zu erlernen. Ohne ausreichende Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen haben sie kaum eine Chance am Arbeitsmarkt.
"Funktionale Analphabeten können trotz Erfüllung der Schulpflicht nur so gut lesen und schreiben wie Kinder in der ersten oder zweiten Klasse", so Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung. Wie viele Erwachsene von funktionalem Analphabetismus betroffen sind, ist allerdings nicht bekannt. Schätzungen gehen von vier Millionen Betroffenen aus.
Derzeit wird mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung eine Vorstudie durchgeführt, die die Machbarkeit einer empirischen Untersuchung zur Ermittlung der Größenordnung des funktionalen Analphabetismus prüft. An dieser Vorstudie sind die Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Infrastruktureinrichtungen, das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung und der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung beteiligt. Die Kooperationspartner empfehlen nun die Durchführung einer Hauptstudie.
"Die Politik braucht verlässliche Daten, um begründete Entscheidungen treffen zu können", so Peter Hubertus. Seine Hoffnung: So wie die Bildungspolitik nach dem PISA-Schock zahlreiche Reformen in den Schulen möglich gemacht hat, so werde auch das nachgewiesene Ausmaß des funktionalen Analphabetismus dazu führen, dass Grundbildungsangebote für Erwachsene ausgebaut werden. Präventive Maßnahmen in Kindergarten und Grundschule seien wichtig, müssten aber durch Angebote zum Lesen- und Schreibenlernen für Erwachsene ergänzt werden.
Wie so oft hapert es auch hier an der Finanzierung. Während Integrationskurse mit Alphabetisierung für Ausländer vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert werden, sind für die Finanzierung von Lese- und Schreibkursen für deutschsprachige Erwachsene die Bundesländer zuständig. Das Kursangebot, das häufig von Volkshochschulen bereitgestellt wird, ist allerdings nicht ausreichend.
Der Bund hingegen konzentriert sich auf die Projektförderung. Immerhin 30 Millionen Euro stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung bis Ende der Weltalphabetisierungsdekade zur Verfügung. Dazu Peter Hubertus: "Projekte sind gut, Forschung ist erforderlich und sehr begrüßenswert, aber wir brauchen mehr bezahlbare Kurse, auch intensive Lernmöglichkeiten für Menschen ohne Arbeit".
Der Verband vertritt als bundesweit tätige Nichtregierungsorganisation seit über 20 Jahren die Interessen von funktionalen Analphabeten in Deutschland. Auf seine Initiative wird am 8. September die Alfa-Stiftung für Alphabetisierung und Grundbildung ins Leben gerufen.