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Aus den Ländern : Sachunterricht kommt oft zu kurz
Geschrieben von anom Multimedia am 09.07.2008 12:04:57

Wenig Mittel für ein anspruchsvolles Fach
08.07.2008 (md) Sachunterricht ist das Lieblingsfach der Grundschüler, weil es ihrer Lebenswirklichkeit am nächsten ist und ihnen konkrete Orientierungshilfen bietet. Methodisch betrachtet ist es so anspruchsvoll wie kein anderes Fach in der Grundschule. Dennoch sind viele Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Ausbildung nicht auf den Sachunterricht vorbereitet worden, es stehen wenig Mittel für die Ausstattung zur Verfügung, und wenn die Unterrichtszeit knapp ist, muss oft der Sachunterricht weichen.



Der Sachunterricht soll Kinder lehren, ihre individuelle und gesellschaftliche Lebenswirklichkeit zu verstehen und kompetent in ihr zu handeln. Sie lernen, sich ihre Welt selbstständig zu erschließen, sich darin zurechtzufinden und sich aktiv an den Veränderungen zu beteiligen. Er soll sich auch der Neugier der Kinder annehmen, soll zum Entdecken anregen, soll helfen, Problemlösestrategien zu entwickeln, soll das Gerüst für weiteres selbstständiges Lernen aufbauen. Und die Schule – ist sie darauf vorbereitet?

Wenig verbindliche Vorgaben
Die einzelnen Bundesländer suchen nach möglichst adäquaten Antworten auf die weitreichenden Herausforderungen und gehen dabei sehr unterschiedliche Wege. Zwar folgen alle Bundesländer dem "Perspektivrahmen Sachunterricht", den die Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts e.V. (GDSU) 2002 vorgestellt hat. Dennoch sind die Lehrpläne der Länder sehr unterschiedlich. Auch der Stellenwert, der dem Fach im Fächerkanon zukommt, differiert erheblich. So ist zwar der Sachunterricht in fast allen Bundesländern mit zwei bis drei Stunden in den Klassen 1 und 2 auf dem Stundenplan präsent und in den Klassen 3 und 4 mit drei bis vier Stunden. Aber nur in wenigen Bundesländern ist die Note für die Empfehlung der weiterführenden Schulart relevant, meistens zählen nur die Noten in Mathematik und Deutsch. Und nicht überall wird der Sachunterricht als gesondertes Fach unterrichtet; in den Klassen 1 und 2 wird er häufig im Rahmen des Deutschunterrichts abgehalten. In manchen Bundesländern wie z.B. Berlin gibt es keine verbindliche Vorgabe für die Anzahl der Wochenstunden des Faches, sondern lediglich Empfehlungen. Dann bleibt es den Schulen überlassen, ob sie dieser Empfehlung folgen oder nicht.

Lehrer unterrichten häufig fachfremd
Seit 2002 haben fast alle Bundesländer neue Lehrpläne für den Sachunterricht eingeführt und bemühen sich, dem Fach, das das Lieblingsfach der meisten Grundschüler ist, einen angemessenen Zeitraum zu gewähren. Dennoch gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die dafür sorgen, dass der Sachunterricht in einem Teufelskreis steckt: Die vermehrten Leistungskontrollen, z.B. durch die Vergleichsarbeiten in Klasse 3 oder 4, haben häufig höhere Priorität, und der Sachunterricht muss dann kurzfristig weichen. Die Ausstattung ist häufig völlig unzureichend für einen anschaulichen Unterricht und eine große Anzahl der Sachkundelehrer unterrichtet fachfremd. Das heißt, sie haben in ihrer Lehrerausbildung keine Grundlagen für den Sachunterricht erhalten, und noch immer gehört der Sachunterricht keineswegs zu den Pflichtbereichen im Pädagogikstudium.

Lobby für Sachunterricht
Die Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts e.V. (GDSU) wurde 1992 unter anderem auch deswegen gegründet, um die Basis für naturwissenschaftliche, sozial-kulturwissenschaftliche Grundbildung in der Primarstufe zu stärken. Die Landesbeauftragen weisen auf die prekären Zustände hin, beobachten die Entwicklungen und zeigen Ziele auf. Ihre Aufgabe ist die Förderung der Didaktik des Sachunterrichts als wissenschaftliche Disziplin in Forschung und Lehre sowie die Vertretung der Belange des Schulfaches Sachunterricht. In jährlichen Arbeitstagungen und im ebenfalls jährlich erscheinenden Bericht "Probleme und Perspektiven des Sachunterrichts" versucht die Gesellschaft, die Lobby für den Sachunterricht auf breiter Ebene zu stärken.

Dasselbe Ziel verfolgt die Projektgruppe SINUS Transfer Grundschule. Rund 1 500 Lehrkräfte engagieren sich im Rahmen eines 2004 gestarteten Modellversuchs für die Verbesserung der naturwissenschaftlichen Bildung in Deutschland. Das betrifft nicht nur das Fach Mathematik, sondern auch den naturwissenschaftlich orientierten Sachunterricht. Inzwischen nehmen rund 400 Grundschulen an dem Modellversuch teil. Das spezifische Ziel ist es, neben den biologischen Themen im Sachunterricht auch den Anteil physikalischer und chemischer Themen zu vergrößern. Ihre Arbeit setzt direkt in der Praxis an: Die Lehrkräfte stützen ihre Arbeit jeweils auf einige der zehn SINUS-Module, entwickeln gemeinsam in Workshops Unterrichtsmodelle und erproben diese dann im Unterricht. Sowohl die GDSU als auch die Projektgruppe SINUS Transfer Grundschule bemühen sich auf unterschiedlichen Wegen, die Qualität des Sachunterrichts zu verbessern. Ihre Arbeit beweist, dass das Interesse auf Schüler- und Lehrerseite gerade an diesem elementaren Unterrichtsfach sehr groß ist und dass die naturwissenschaftliche Bildung der Primarschüler noch zahlreiche Entwicklungspotenziale aufweist. Um die Unterrichtskonzepte auf breiter Ebene zu verbessern, wäre allerdings auch mehr bildungspolitische Verbindlichkeit sinnvoll.

Kompakt
In seiner Vielfalt ist der Sachunterricht die Basis für die natur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen der weiterführenden Schulen: Physik, Chemie, Geschichte, Politik und Biologie haben, didaktisch gesehen, ihre Wurzeln im Sachunterricht. Umso wichtiger ist es, dass die Ausbildung der Lehrer darauf abgestimmt ist und genügend finanzielle Mittel für eine adäquate Ausstattung zur Verfügung stehen.

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst

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