Mit der Verkürzung der Schulzeit an Ganztagsgymnasien wird in Rheinland-Pfalz ein neuer Weg eröffnet, dass Schülerinnen und Schüler bereits nach zwölf Schuljahren ihr Abitur ablegen können. Eine entsprechende Initiative hatte Ministerpräsident Kurt Beck in seiner Regierungserklärung am 30. Mai angekündigt. Das Rahmenkonzept dafür liegt nun vor.
„Das Konzept lässt sich von drei Prämissen leiten. Wir brauchen in der Zukunft nicht weniger, sondern mehr Abiturientinnen und Abiturienten und müssen daher möglichst vielen Kindern den Weg zum Abitur offenhalten. Wir müssen zweitens die Durchlässigkeit im Schulsystem erhalten und – wo möglich – weiter ausbauen. Und wir müssen bei all dem daran denken, dass die pädagogischen und organisatorischen Konzepte auf die Bedürfnisse und Interessen von Kindern und Jugendlichen abgestimmt sein müssen“, betonte Bildungsministerin Doris Ahnen bei der Vorstellung des Rahmenkonzepts für Ganztagsgymnasien mit achtjährigem Bildungsgang (G8GTS), das gestern den Schulleiterinnen und Schulleitern der Gymnasien im Land vorgestellt wurde.
„Ich bin der festen Überzeugung, dass es mit dem jetzt vorgelegten und unter enger Einbindung der schulischen Praxis entwickelten Rahmenkonzept gelingt, die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern auszubauen und die Chancen einer Schulzeitverkürzung optimal zu nutzen“, sagte die Bildungsministerin. Das Konzept erfülle die Vorgaben der Kultusministerkonferenz für die Pflichtstundenzahl von mindestens 265 Stunden bis zum Abitur und garantiere, dass der achtjährige und der neunjährige gymnasiale Bildungsgang zum Abitur dieselben Qualitätsstandards erfüllten.
Das G8GTS-Konzept sieht folgende Struktur vor:
Orientierungsstufe mit Ganztagsschule in Angebotsform In der auf 30 Wochenstunden erweiterten Orientierungsstufe (Klassen 5 und 6) werde das G8GTS-Modell als Ganztagsschule in Angebotsform geführt. Da die Erweiterung der Pflichtstundenzahl in der Orientierungsstufe an allen weiterführenden Schulen umgesetzt werde, sei die Durchlässigkeit für Kinder aus anderen Schularten nach der Orientierungsstufe weiterhin gewährleistet. Der Einstieg über eine Ganztagsschule in Angebotsform ermögliche für Kinder, die diese Schulform aus der Grundschule noch nicht kennen, einen sanften Übergang in das Ganztagsschulsystem, sagte Doris Ahnen.
Mittelstufe mit verpflichtender Ganztagsschule In den Klassenstufen 7, 8 und 9, in denen die Pflichtstundenzahl auf 33, 34 und 35 Wochenstunden heraufgesetzt werde, seien die Gymnasien mit achtjährigem Bildungsgang dann verpflichtende Ganztagsschulen. Durch zusätzliche „Lernzeit“ werde der zeitliche Rahmen auf jeweils 42 Wochenstunden erweitert. Die „Lernzeit“ ersetze dabei einen Großteil der bisher üblichen Hausaufgaben und solle für die individuelle Förderung sowie Übungen und Vertiefungen genutzt werden. Sie biete aber auch die Chance, durch zusätzliche Angebote kreative, sportliche oder soziale Kompetenzen gezielt zu stärken und den Schultag aufzulockern. Die Verteilung von Pflichtstunden, „Lernzeit“ und sonstigen Zusatzangeboten könnten die Schulen eigenverantwortlich regeln.
Oberstufe im Kurssystem mit Nachmittagsunterricht Die Oberstufe, die auch weiterhin entsprechend den Rahmenvorgaben der Kultusministerkonferenz drei Schuljahre umfasse, werde wie bislang auch im G8GTS-Modell im Kurssystem mit Nachmittagsunterricht organisiert. Die Jahrgangsstufe 10 übernehme dabei eine Doppelfunktion: Sie sei das letzte Jahr der Sekundarstufe I und Voraussetzung für den qualifizierten Sek I-Abschluss („Mittlere Reife“) und sie sei zugleich die Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe. Die letzte Jahrgangsstufe umfasse an diesen Gymnasien ein volles Schuljahr.
„Die Organisation eines achtjährigen Bildungsgangs im Gymnasium in Form einer Ganztagsschule ist aus mehreren Gründen sinnvoll und notwendig“, unterstrich Bildungsministerin Ahnen. Diese Konstruktion biete Möglichkeiten einer zusätzlichen differenzierten Förderung insbesondere in der zusätzlichen „Lernzeit“ sowie von kind- und jugendgerechten Zusatzangeboten im Sinne einer umfassenden Bildung. So erhielten Schülerinnen und Schüler die notwendige Unterstützung, um den veränderten Anforderungen bei verkürzter Schulzeit gerecht zu werden. Ihr Schultag könne altersgemäß strukturiert werden und umfasse auch ein Mittagessen.
Bei der Umsetzung des G8GTS-Modells würden die Schulen auf mehreren Wegen unterstützt, betonte Doris Ahnen. Sie erhielten zusätzliche Lehrerwochenstunden zugewiesen zum einen für die erhöhten Pflichtstundenzahlen und zum anderen für den Ganztagsschulbetrieb. Durch die verpflichtende Teilnahme am „Projekt Erweiterte Selbstständigkeit (PES)“ werde den Gymnasien mit achtjährigem Bildungsgang zudem ein eigenes Budget für die Umsetzung eines Vertretungskonzepts zur Verfügung gestellt. Beratungs- und Fortbildungsangebote der pädagogischen Serviceeinrichtungen und der Schulaufsicht dienten der Unterstützung bei der pädagogischen und organisatorischen Umsetzung. Alle teilnehmenden Gymnasien erhielten eigene Budgets für schulinterne Fortbildungen. Für kleinere Umbaumaßnahmen und Ausstattungen würden zudem analog zum Landesprogramm zum Ausbau von Ganztagsschulen in Angebotsform Pauschalen von 75.000 Euro je Gymnasium vom Land bereitgestellt. Größere bauliche Erweiterungen würden nach dem Landesschulbauprogramm mit den höchstmöglichen Sätzen gefördert, also mit 70 Prozent bei Schulbaumaßnahmen und mit 50 Prozent bei Schulsportanlagen.
Bereits jetzt gebe es Anfragen und Interessensbekundungen von Gymnasien, die sich an dem Projekt G8GTS beteiligen wollten, sagte Doris Ahnen. Wie schon im Ganztagsschulprogramm des Landes gelte auch hier die Maßgabe, dass Bewerbungen immer von Schulen und Schulträger gemeinsam getragen werden sollten. Vor einer Bewerbung sollten alle schulischen Gremien eingebunden werden. Für den Erfolg einer Bewerbung sei zudem die Erfüllung von Kriterien wichtig, die in einer Checkliste zusammengefasst seien. Sie umfasse zum Beispiel neben einer inhaltlichen Konzeption sowie einer Reihe von Umfeldparametern auch einen Nachweis über das Interesse an einem achtjährigen Gymnasium bei künftig betroffenen Eltern. Als Planungsgröße sei vorgesehen, dass in der laufenden Legislaturperiode 15 Gymnasien in das neue Projekt einsteigen sollten. Der erste Antragstermin solle vor den Sommerferien 2007 liegen, der Start der ersten Gymnasien mit achtjährigem Bildungsgang sei für das Schuljahr 2008/2009 geplant.
Quelle: Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend, Rheinland-Pfalz
weiterführender Link: http://www.mbfj.rlp.de/Aktuell/Aktuell.htm