FRIEDERIKE VON TIESENHAUSEN, BERLIN - Die Bundesländer haben weniger Lehrer neu eingestellt, als die Kultusministerkonferenz (KMK) selbst 2003 für nötig befunden hatte. Insgesamt fingen in den vergangenen drei Jahren 16 000 weniger neue Lehrer an, als nach KMK-Angaben zum Erhalt der Lehrerzahlen nötig gewesen wären. Das ergab eine Studie des Essener Bildungsforschers Klaus Klemm im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Nach KMK-Schätzungen werden bis 2015 etwa die Hälfte der knapp 800 000 Lehrer in Deutschland in Pension gehen. Die GEW befürchtet, dass dann, wenn die Pensionierungswelle der Baby-Boomer-Generation ihren Höhepunkt erreicht, nicht genügend Lehrer auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind. „Wir steuern auf ein Loch zu“, sagte der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne am Donnerstag in Berlin.
Die restriktive Einstellungspolitik der Länder sende die falschen Signale an junge Leute, die ein Lehramtsstudium aufnehmen wollen. Die KMK wies darauf hin, dass sich seit ihrer letzten Prognose 2003 die Rahmenbedingungen für den Lehrerarbeitsmarkt geändert hätten. So hätten zahlreiche Bundesländer die Wochenarbeitsstunden für Lehrer erhöht. Zudem ließen sich weniger Lehrer als gedacht früh pensionieren, weil sich die Regelungen für den Frühruhestand verschlechtert haben.
Thöne kritisierte jedoch, dass die erhöhten Lehrstundenzahlen die Unterrichtsqualität belasteten: „Pädagogen, Eltern und Schüler spüren die Folgen immer stärker: weniger Unterricht, mehr Stundenausfall und größere Klassen.“ Nach KMK-Angaben ist zwischen 1995 und 2004 nur in den Grundschulen die Anzahl der Schüler pro Lehrer gesunken. Dort kümmert sich ein Lehrer im Schnitt um 20 Schüler, Mitte der 90er-Jahre waren es noch 21 Schüler. Dagegen verschlechterte sich das Betreuungsverhältnis in der Sekundarstufe I sowie in der Oberstufe der Gymnasien.
Viele Staaten, die bei der Pisa-Studie der OECD besser als Deutschland abschnitten, haben auch ein günstigeres Betreuungsverhältnis.
Quelle: Financial Times Deutschland, 24.11.2006
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